Nachtgedanken

Es kommt ja überall, oft zappe ich weiter, will das Elend nicht mehr hören. In der Nacht kommen die Bilder und Gedanken zurück. Ich liege im warmen Bett und kann nicht schlafen, Flüchtlinge waten durch Flüsse, rütteln an Zäunen, liegen im Feldbett in einer Turnhalle. Was ist das für eine Welt!

Meine Nachtgedanken …
… spannen einen weiten Bogen. In den 80-er Jahren habe ich mich viel mehr um die „Dritte Welt“ gekümmert, Armut und Hunger sind ein Skandal! Um 2000 ist das abgeklungen, das alles ist doch weit weg. Im Advent erinnere ich mich: Gott will als Mensch in die Welt kommen und wir sollen ihm den Weg bereiten.

Jetzt kommen die, die wissen, dass es reiche Länder gibt, mit Frieden, Wohlstand und Menschenrechten. Es sind jetzt nicht nur Nachrichten und Bilder, die mir nahe kommen, es sind Menschen. Sie fliehen vor Armut und Hunger, Krieg und Terror.

Ich spüre, welch ungerechtes Glück ich habe, hier geboren und aufgewachsen zu sein, ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht mehr und intensiver für „eine gerechtere Welt“ eingetreten bin. Aber vor allem rühren mich die Bilder der Menschen an. Sie sind stärker als das schlechte Gewissen und stärker als die Angst, dass ich etwas verlieren könnte.

Bevor ich etwas getan habe, sind andere losgegangen und haben geholfen, die Bilder vom Bahnhof in München stehen für all die Hilfe, die spontan und von Herzen geschieht, auch in unserer Nähe, und das ist viel.

Inzwischen werden auch HelferInnen müde, es sind viele, aber nicht genug. Sie ärgern sich über Details, über das Hin - und Her in der Politik und hinter vorgehaltener Hand werden sie auch belächelt und angefeindet. Manche würden gerne helfen, aber haben Angst vor der Nachbarschaft oder Familie.

Was soll ich denn tun?
Ich möchte mit Ihnen die einfache Wahrheit aus der Bibel „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“ leben und dafür sorgen, dass die Stimmung bei uns menschlich und warmherzig bleibt.
Ich möchte Begegnungen mit Flüchtlingen, die in unserer Nähe leben, ermöglichen und organisieren.
Ich möchte Ehrenamtlichen den Weg zu den bestehenden Hilfenetzen erleichtern.

Bereitet dem Herrn den Weg, denn siehe, der Herr kommt gewaltig.
Matthias Haag, Pfarrer in Hetzelsdorf und Wannbach