Ich bin ein Fremder gewesen...

„Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“ (Mt 25,35)
Das sagt Jesus von sich selbst. Er begründet es, indem er sagt: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).

„Aufnehmen“, das ist mehr als ein „Dach über dem Kopf“ bieten. Aufnehmen heißt, mit dem Fremden in Kontakt zu kommen, ihm in die Augen zu sehen, die Traurigkeit und Resignation im Blick erkennen, ihn als meinen Nächsten annehmen.

Hinter jedem Menschen, der uns als Flüchtling begegnet, steht ein persönliches Schicksal, eine Leidensgeschichte.
Niemand verlässt freiwillig seine Heimat, seine Familie und all das, was bisher zum Leben gehörte.

Millionenfach kamen im Zusammenhang mit dem zweiten Weltkrieg Heimatvertriebene und Flüchtlinge zu uns. Gerade Streitberg bot damals vielen Menschen eine neue Bleibe. Jetzt sind wir wieder herausgefordert, uns den Aufgaben zu stellen, die Flüchtlinge - diesmal sind es Fremde, die eine andere Sprache sprechen - freundlich aufzunehmen und ihnen zu helfen, sich bei uns zurechtzufinden und einzuleben. Die Liebe, die wir den Fremden erweisen, die Hilfsbereitschaft und das Verständnis werden uns selbst froh machen. In Jesu Augen gehören wir zu den Menschen, denen Gottes Segen gilt, zu denen, die in seinem Reich willkommen sind.

Husseins Geschichte:
"Mein Name ist Hussein, ich bin 19 Jahre alt, ich komme aus Syrien. Mein Problem hat das letzte Jahr angefangen. Ich bin am 28.10.2014 nach Deutschland gekommen.

Meine Flucht führte durch die Türkei, das Mittelmeer, Italien und Frankreich.

Aber ich habe in Italien einen Fingerabdruck abgegeben. Laut Gesetz muss man in dem ersten europäischen Land, in dem man ankommt, bleiben. Sechs Monate nachdem ich in Deutschland angekommen bin, habe ich einen Brief vom Bundesamt bekommen, dass ich nach Italien zurückfahren muss.

Aber zum Glück habe ich sehr nette freundliche Menschen gefunden. Sie haben mir sehr viel geholfen.

Ich konnte für zwei Monate ein Kirchenasyl bekommen. Dann ist die neue Regel für syrisches Asyl gekommen, die besagt, dass wir hier trotzdem bleiben können.

Jetzt lerne ich Deutsch, um an einer Universität zu studieren.
Ich danke allen, die mir helfen.
Ich danke Deutschland.
Hussein

Hussein hat diese Geschichte selbst geschrieben, es waren nur wenige sprachliche Korrekturen notwendig. Er kann inzwischen schon sehr gut Deutsch. Diese Geschichte entspricht in weiten Teilen auch der Geschichte Mohammeds, der zusammen mit Hussein bei uns im Kirchenasyl war.
Ulrike Werner, Pfarrerin in Streitberg